Meine Vision 2030.

Weil ich von einer Zukunft ohne ökonomische Zwänge träume.

In meinen Augen führen viele politische Entscheidungen in Deutschland zu einer Spaltung der Gesellschaft auf mehreren Ebenen. Dabei spielt die Differenz zwischen arm und reich die größte Rolle, schaut man sich die Zusammenhänge an, die zwischen Einkommen und Ernährung, Gesundheit, Bildungschancen, Berufschancen oder sozialem Engagement bestehen. Diese Spaltung wird durch das deutsche Sozialsystem regelrecht zementiert: Mit der Hilfsbedürftigkeit steigt die Stigmatisierung durch andere und gesellschaftliche Isolation; es sinken die Chancen, wieder in den Arbeitsmarkt integriert zu werden. Für mich kann all das nicht durch Reformationen eines in sich problematischen Systems gelöst werden.

Stattdessen ist es an der Zeit, soziale Grundversorgung neu zu denken, zum Beispiel durch das bedingungslose Grundeinkommen. Das Prinzip ist einfach: Jede und Jeder bekommt die gleiche Sockelfinanzierung und damit die gleiche Chance, an Gesellschaft, Kultur und Bildung zu partizipieren. Natürlich ist jeder und jedem selbst überlassen, was mit diesem Geld passiert, allerdings stellt das Grundeinkommen eben eine Finanzierbarkeit der notwendigsten Dinge sicher – und das bis ins Rentenalter.

Stellt euch eine Gesellschaft mit bedingungslosem Grundeinkommen vor: Für mich ist das eine Gesellschaft voll Kreativität und Innovationen, denn diese können nur dort entstehen, wo Raum zum freien Denken gelassen wird. Wo jede ihren und jeder seinen Traumberuf leben kann und wo es üblich ist, auch zu einem späteren Zeitpunkt im Leben Bildungschancen zu nutzen, sich neu zu orientieren. Wo es eine bewusste Entscheidung ist, nicht zu arbeiten, und kein aufgezwungener Zustand. Eine Gesellschaft, in der es gewünscht ist, Ideen zu verwirklichen, ohne ein existenzielles Risiko einzugehen.

Stellt euch die Auswirkungen auf das soziale Engagement vor, wenn kein Zwang zur Existenzsicherung bestehen würde. Eine Gesellschaft wie diese könnte sich die Ausbeutung von Arbeitskräften gar nicht leisten, da Arbeitgeber attraktiv und sozial sein müssen, um geeignete Arbeitnehmer anzuwerben. Im Gegenzug haben sie Arbeitskräfte, die motiviert sind, weil sie arbeiten können und nicht müssen. Welche Konsequenzen diese Absicherung wohl für die psychische Gesundheit und für die generelle Zufriedenheit haben könnte?

Das bedingungslose Grundeinkommen fördert eine Kultur der Umwege, der Vielfalt mit Querdenker/innen und Gemeinschaft statt Wachstum, Wachstum, Wachstum. Natürlich kann das bedingungslose Grundeinkommen als Maßnahme nicht allein stehen, sondern muss sich einreihen in eine Politik, die das soziale Miteinander einer Gesellschaft in den Vordergrund stellt. Wahrscheinlich wird es immer auch Menschen geben, die ein solches System ausnutzen und instrumentalisieren, sodass negative Effekte entstehen. Aber es deshalb gar nicht erst probieren? Alle, die sich ob der scheinbaren Funktionsfähigkeit des aktuellen Sozialsystems fragen ‚warum?‘, antworte ich: Warum nicht? Was würdet ihr tun, wenn ihr nichts tun müsstet? Stellt euch eine solche Gesellschaft vor!


Steffi Krause ist gebürtige Berlinerin und studierte Sprach- und Textwissenschaften an der Universität Passau. Dort promovierte sie am DFG-Graduiertenkolleg 1681 Privatheit zu Liebe und Familie im deutschen Gegenwartsfilm und arbeitete als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und am Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Mediensemiotik. Seit Herbst 2015 lebt sie in den USA.