Meine Vision 2030.

Warum darf’s diesmal nicht etwas mehr sein? Bildungsgerechtigkeit für Alle!

In den Medien unserer Zeit ist vieles zu lesen, vieles was dazu verleitet, uns zu erzürnen. Hoch im Trend steht aktuell der kaum fassbare Terminus der Überakademisierung. Es wird berichtet, wie viele junge Menschen sich für den Gang auf die Universität entscheiden, um ein sowohl für sich, als auch selbstverständlich für die Gesellschaft unerschwingliches Studium zu beginnen, anstatt einen bodenständigen Beruf zu ergreifen. Oft wird einem entgegengebracht, was soll die Welt mit tausenden Architekten, wenn keiner mehr das Haus bauen kann. Oder ganz autobiografisch: Wie groß ist schon der ökonomische Nutzen eines angehenden Historikers? Auch wenn die Argumentation im ersten Moment schlüssig scheint, ist das denn wirklich so? Und selbst wenn ja, handelt es sich dabei um ein Problem für uns? Im Folgenden der bescheidene Versuch, zwei gegensätzliche Herangehensweisen vorzustellen.

Zum ersten, natürlich ist es nicht von der Hand zu weisen: An den Universitäten und Hochschulen Deutschlands schreiben sich Semester für Semester mehr und mehr Studierende ein, es gibt ein größeres Studienangebot, mit immer kryptischeren Namen und Erklärungen, was die einzelnen Studiengänge denn vermitteln. Resultat daraus ist, dass eine immer größere Anzahl an jungen Menschen, die eine ihren Interessen entsprechende Bildung genießen, aus ökonomischen Gründen umgehend in den Beruf gezwungen zu werden. Freie Entfaltung in einer wichtigen Prägungsphase des Lebens, die obendrein noch für einen Beruf qualifiziert, der das spätere Leben wie wenig sonst bestimmt. Sollte uns das wirklich verärgern? Können wir es nicht als Chance begreifen,  dass junge Frauen und Männer nach ihren Träumen streben und ihre beruflichen Wunschvorstellungen verwirklichen und sie, ob in der freien Wirtschaft oder anderswo, zu ihrem privaten Wohle und dem Aller einsetzen? Wollen wir keine Gesellschaft sein, die solche Perspektiven schafft?

Die zweite Herangehensweise bricht leider mit der Welt der idealen Chancen für Jede und Jeden. Das Problem ist nicht die Überakademisierung, sondern die Ungerechtigkeit unseres Bildungssystems. Von 100 Studierenden stammen 77 aus Haushalten, in denen mindestens ein Elternteil studiert hat, lediglich 23  stammen aus dem sogenannten bildungsfernen Milieu, dem Gegenstück, in denen die Eltern keine akademische Laufbahn durchliefen. Dieser, ohnehin frappierend kleine, Prozentsatz studiert zudem meist keine geisteswissenschaftlichen oder philosophischen Studiengänge, sondern solche die nach dem Abschluss zügig zu sicherem Lohn und Brot führen. Das sollte uns schockieren, nicht die Überakademisierung! Kinder von unseren Arbeiterinnen und Arbeitern, von einfachen Angestellten im Dienstleistungsbereich, von Berufstätigen im sozialen Bereich oder die Kinder von Migrantinnen und Migranten werden strukturell benachteiligt!

Von dem Übertritt auf eine weiterführende Schule bis zum Studienabschluss bestehen nicht die selben Chancen, wegen mangelnder finanzieller Mittel der Eltern und einem unzureichenden Bildungsangebot für Alle. Umfassende Umstrukturierungen sind unabdingbar, der Zustand, dass privilegierte Eltern ihren Kindern bei Notenproblemen kostspielige Nachhilfe bezahlen, während dies anderen verwehrt bleibt, ist nicht tragbar. Wir müssen ein solches Angebot an Schulen für Alle schaffen! Dass junge Menschen zweierlei Minijobs zur Finanzierung ihres Studiums bestreiten müssen, während Studierende des selben Fachs die Zeit zur Nachbereitung ihrer Vorlesungen nutzen ist nicht gerecht!

Wir als Gesellschaft dürfen das nicht zulassen, wir profitieren letztendlich am meisten von diesen Menschen! Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, diesen die selbe Perspektive zu schaffen, sie nicht weiter strukturell zu diskriminieren und ihnen für sich individuell und für uns als Gesellschaft den größten Nutzen daraus zu verschaffen. Mit dem Blick in den Norden Europas, wo in zahlreichen Ländern weitgreifende Reformen für bessere Bildung und für die Gleichberechtigung von Kindern aus unterschiedlichen sozialen und kulturellen Umfeldern schon Realität sind, können wir uns, auch aus ökonomischer Sicht, wohl kaum mehr länger erlauben, auf diese ambitionierten und zielstrebigen Frauen und Männer zu verzichten. Denn, frei nach Marx, was haben sie schon zu verlieren, außer ihren Ketten?

 


Johannes Just studiert Politikwissenschaften und Geschichte  an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Der leidenschaftliche Fußballfan des TSV 1860 München engagiert sich in seiner Freizeit für die Juso-Hochschulgruppe Tübingen und in seiner Heimat Passau für den Juso-Unterbezirk als Beauftragter für Volksfeste und Wirtschaft.