Meine Vision 2030.

Meine kleine indische Weintraube. Über die Neudefinition von Arbeit und Wirtschaft

“Arbeit” ist in der Vielfalt ihrer verschiedenen Formen eine elementare Konstante der Menschheitsgeschichte, die kulturübergreifend stets von besonderer Bedeutung war. Die Art der Arbeit und die gesellschaftliche Bestimmung des Arbeitsprozesses schwankte dagegen zwischen den Kulturen und Epochen. Ein globales Wirtschaftssystem, das sich seit Beginn der Industrialisierungsprozesse, vielleicht auch seit den weltweiten Entdeckungsreisen der frühen Neuzeit etablieren konnte, sorgt heute für eine bestimmte Definition von Arbeit, die durch die Verschränkungen des internationalen Wirtschaftens in alle Regionen der Erde eingezogen ist. Und doch, obwohl wir mit einer Selbstverständlichkeit einem System des globalen Austausches folgen, ist es doch schwer, den Begriff der Arbeit richtig zu fassen.

Zuerst treffe ich eine grundsätzliche, normative Unterscheidung zwischen Arbeit und Wirtschaft. Arbeit ist für mich ein zielgerichtetes Tun mit subjektivem Sinn mit und für andere. Mit meiner Arbeit ist also ein Ziel verbunden, das zuerst einmal nicht näher definiert werden kann, jedoch einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenleben leistet. Problematisch könnte nun werden, dass Gesellschaften für sich definieren, was dem Zusammenleben dienen kann. Hier kommt die Wirtschaft ins Spiel. Sie ist ein System der Organisation von Arbeitsprozessen, die zur Befriedigung gesellschaftlicher Bedürfnisse führt. Definieren nun die Mitglieder eines Gesellschaftskollektivs tatsächlich unter den Voraussetzungen der Gleichberechtigung die für sie relevanten Bedürfnisse, so ist Wirtschaft in direkte Beziehung zur Arbeit zu setzen und der individuelle Arbeitsprozess kann im Sinne des Kollektivinteresses stattfinden.

In der globalisierten Wirtschaft ist nun eine Weltgesellschaft entstanden, die durch globale Wirtschaftsbeziehungen miteinander verknüpft ist. Wenn Du beim nächsten Mal im Supermarkt Weintrauben aus Indien kaufst, denk doch kurz an die schönen Sandstrände am indischen Ozean, damit Du Dir der Reise deines Produktes bewusst wirst. Würde Arbeit und Wirtschaft weiter Hand in Hand gehen, so müssten wir im Kontext unserer Weltgesellschaft eine kollektive Entscheidung – selbstverständlich unter der Berücksichtigung der Gleichberechtigung aller Milliarden Erdbürgerinnen und Erdbürger – treffen, wie wir unsere Bedürfnisse definieren. Und jetzt hat Luhmann schon festgestellt, dass der Mensch ständig nach Reduktion von Komplexität strebt – wir bekommen das schlicht nicht hin, eine globale Definition menschlicher Bedürfnisse zu schaffen.

Nicht, dass das nicht versucht würde. Internationale Großkonzerne geben uns über verschiedene Medien ständig das Gefühl zu wissen, was unsere Bedürfnisse sind. Es werden Milliarden für Werbemaßnahmen ausgegeben, um Komplexität zu reduzieren und der Weltgesellschaft den Aushandlungsprozess abzunehmen. Nur leider funktioniert nun nicht mehr die Verknüpfung von Arbeit und Wirtschaft. Denn wenn ich heute ein Produkt herstelle, weiß ich nicht, wessen Bedürfnisse ich gerade damit befriedige. Und ich stelle die Ware her, unabhängig davon, ob sie meinen Bedürfnissen entspricht. Gut, dafür werde ich schließlich bezahlt. Und durch das verdiente Geld wird mir auch die Entscheidung abgenommen, ob ich das etablierte Wirtschaftssystem hinterfragen soll – klar: Reduktion von Komplexität.

Auch Émile Durkheim sah den Wandel von Arbeitsteilungsprozessen, auch wenn er zu einem positiven Schluss kam, der vielleicht dem Fortschrittsoptimismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts geschuldet ist. Wenn die Anonymität steigt und die indische Weintraubenbäuerin für meinen städtischen Supermarkt die Trauben erntet, ohne zu wissen, dass sie damit genau meine Bedürfnisse stillt, müssen wir einfach ein System der Moral schaffen, in dem wir uns alle einer Idee verbunden fühlen. Überwindung von Anonymität durch Moral. Ist uns das gelungen?

Ich glaube, zum Teil hat das funktioniert. Ausgehend vom globalen Norden haben wir ein weltweites Argumentationsgeflecht entwickelt, das uns das Gefühl eines höheren Wohlstandsziels und Zivilisationsfortschritts vor Augen führt. Bei meiner Reise durch Bali war ich begeistert von der bunten Werbung an den Straßenrändern, die im Lichte der Heilsversprechungen nur so glänzten. Wir haben ein Gefühl für Fortschritt und Schönheit entwickelt, von dem wir glauben, dass wir es durch unsere Wirtschaftsverflechtungen schaffen können. Kommt dann eine grüne Aktivistin, die gegen die Abholzung des Regenwaldes demonstriert, lehne ich diese Position natürlich ab, denn während ich auf meinem schönen Holzstuhl sitze, will ich eigentlich nur eines: Komplexität reduzieren.

Meine Vision 2030 ist eine globalisierte Welt mit regionalen Arbeitskollektiven. Ich träume von Menschen, die wieder Äpfel aus dem Garten essen, statt Weintrauben aus Indien. Und ich glaube, dass wir trotzdem keine Einbrüche unseres Wohlstandes verspüren werden. Weil wir in kleinen regionalen Kollektiven Wohlstand neu definieren. Wir definieren es wieder im Rahmen unserer eigenen Bedürfnisse, wir werden uns unserer Fähigkeiten bewusst, die in uns stecken, dass wir die Errungenschaften unseres Kollektivs selbst erreichen können, ohne die Anonymität eines globalen Systems künstlich überwinden zu müssen.

Arbeit wird dann wieder genau das sein: Ein zielgerichtetes Tun mit subjektivem Sinn mit und für andere. Dies setzt voraus, dass wir alle auch wieder lernen mit unseren Hände zu arbeiten. Dass wir uns ausbilden lassen, lernen, wie man einen Tisch zusammenbaut, ein Dach deckt, Kartoffeln ausgräbt. Meine Vision 2030 ist eine Welt, in der wir ein Schulsystem haben, das uns nicht nach Einkommen teilt und uns für den globalen Markt vorbereitet, sondern das uns wieder zu humanistischen Menschen macht. Meine Vision 2030 ist eine Welt, in der wir nach dem Abschluss einen Beruf erlernen, die Wertschätzung für das Handwerk wieder gewinnen und uns in den Dienst der Gemeinschaft stellen. Meine Vision 2030 ist eine Welt, in der wir sowohl Kartoffeln ausgraben als auch Luhmann und Durkheim lesen können, in der kein Unterschied mehr zwischen Handarbeit und geistiger Arbeit besteht, weil alle Menschen ganz nach ihren Bedürfnissen frei entscheiden können, welchen Weg sie einschlagen, um der Gemeinschaft etwas zurückzugeben.

Ja, meine Vision 2030 ist eine Vision. Und doch glaube ich, dass es auch eine Alternative ist, die wir ernsthaft durchdenken müssen, weil ich nicht weiß wie lange ich noch indische Weintrauben im Supermarkt kaufen kann.


Patrick Reitinger ist in einem Dorf in der Oberpfalz aufgewachsen und studiert heute an der Universität Passau Staatswissenschaften, Öffentliches Recht und Soziologie. Im Rahmen eines Studienprojektes verbrachte er mehrere Wochen auf der indonesischen Insel Bali, wo er sich mit nachhaltigem Abfallmanagement und regionalen Wirtschaftsalternativen beschäftigte.