Meine Vision 2030.

Imagine

Es ist Montag Morgen, halb sechs. Ich wache auf. Ich wate durch den Flur, auf dem Weg in das Badezimmer schalte ich den Boiler an. Wir haben pro Tag nur für etwa 2 Stunden elektrischen Strom in unseren Privatwohnungen. Das Wasser unter der Dusche sollte ich nach Möglichkeit nicht trinken – die Gefahr einen Keim zu erwischen, für den es kein Gegenmedikament gibt, ist zu groß.

Mein Frühstück besteht aus Tee und einer Scheibe Brot aus einer Vakuumtüte. Da die Lebensmittel in Europa knapp geworden sind, wurden uns Lebensmittelmarken zugeteilt. Naja, so isst eben niemand mehr als er hungrig ist.

Die Fahrt zum Büro ist jedes mal eine Qual. Die U-Bahn ist völlig überfüllt, dreckig und stickig. Auf Bildschirmen über unseren Köpfen laufen die Nachrichten des Tages:

Irgendein Minister verspricht die Energieknappheit sei bald überwunden; unsere Armee hat einen Sieg um die Gasquellen in Kasachstan errungen; Vergangene Nacht wurden von der Mauer in den Alpen 150 Flüchtlinge gestoppt um unseren Wohlstand zu schützen; die kommenden Tage wird es weiter sauren Regen bei Temperaturen um die 30 Grad geben und der FC Bayern München ist wieder Meister geworden.

An meiner Haltestelle angekommen treffe ich meine Freundin. Zur Begrüßung geben wir uns die Hand, da Küssen in der Öffentlichkeit nicht gerne gesehen wird. Sie arbeitet für einen Hungerlohn im Einzelhandel. Seit die Gewerkschaften zerschlagen wurden, obliegt es den Arbeitgebern, mit ihren Angestellten zu verfahren, um die Wirtschaftlichkeit zu erhalten. Der Begriff „Kündigungsschutz“ wird ebenso belächelt wie eine Geschichte über einen Geist aus der Flasche.

An meinem Arbeitsplatz angekommen, muss ich meinen Ausweis dem Pförtner zeigen, um dann mit einem Fahrstuhl zu meinem Büro zu gelangen. Meine Arbeit besteht im Wesentlichen daraus, Informationen über die Benutzung der Lebensmittelkarten zu sammeln und entsprechend das Angebot zu koordinieren. Selbstverständlich ist das keine Planwirtschaft. Produziert wird immer noch am billigsten in Ländern, deren Sprache wir nicht kennen, mit Geräten, die die Umwelt vergiften. Große Konzerne haben mit ihrer Monopolstellung den früher freien Markt übernommen und durch Absprachen erhalten wir nun unsere Lebensmittel. Jeder der unteren Schicht bekommt die gleiche Karte zugeteilt. Die Oberschicht, in ihren Häusern mit Elektrizität rund um die Uhr, genießt immer noch die Möglichkeit frei einzukaufen.

Während ich also auf meinen Bildschirm starre, erzählt mir mein Kollege von seinen Kindern. Er würde gerne seine zehn Urlaubstage die er im Jahr hat, mit ihnen verbringen. Wo weiß er noch nicht. Wahrscheinlich am Meer, aber zu dieser Jahreszeit ist der Algenbefall und der Gestank des Wassers zu hoch. Er fragt mich, warum ich keine Kinder habe. Ich antworte ihm, ich würde ihnen gerne eine gute Bildung bieten können. Aber ich habe kein Geld, um sie auf die Universität schicken zu können. Und vor der wieder eingeführten Wehrpflicht werde ich sie auch nicht bewahren können, wie die Kinder der Reichen.

Schweißgebadet wache ich auf. Welch grässlicher Albtraum! Ich schaue auf meinen Wecker, es ist halb neun. Noch völlig benommen von diesem furchtbaren Albtraum stehe ich auf und schlürfe zum Fenster. Der Park mit der Statue von irgendeinem kriegstreibenden Feldherrn ist erst kürzlich einem Stadtteilgarten gewichen. Seit dem wachsen vor unseren Augen die aromatischsten Früchte und Gemüsesorten.

Auf dem Weg zum Badezimmer kommt mir wieder mein Traum in den Sinn: Energieknappheit? Was für ein Blödsinn. Wir sind bestens versorgt, seit es das gemeinsame europäische Energienetz gibt. Wir bekommen im Sommer durch Solarkollektoren Energie aus Spanien und Italien, bei Knappheit Windenergie aus der Nordsee und im Winter Wasserenergie aus den Fjorden Skandinaviens. Zudem haben fast alle Häuser Solarzellen auf den Dächern und Erdwärmegeräte unter dem Haus.

Mein Frühstück besteht aus Müsli mit Früchten, die ich auf meinem Balkon angebaut habe. Äpfel und Birnen wachsen im Garten im Park, Himbeeren, Erdbeeren und Johannisbeeren auf dem Balkon.

Beim Verlassen der Wohnung ziehe ich nur die Tür zu – abschließen brauche ich nicht. Ich stecke mir meine Kopfhörer in die Ohren, um die Nachrichten zu hören und schwinge mich auf mein Fahrrad. Eine wunderschön angenehme Moderatorinnenstimme säuselt die Nachrichten des Tages in mein Ohr, während ich mich unter die Dutzenden anderen Radfahrer mische:

Eine UN-geführte Blauhelm-Truppe hat einen Konflikt in Asien beigelegt, die Menschen tanzen und singen auf den Straßen; Die weltweite Raumfahrtagentur hat begonnen eine dauerhafte Station auf dem Mars zu errichten; Einige Regierungen in Zentralafrika verzeichnen nun schon im zehnten Jahr einen Überschuss in der Lebensmittelproduktion; Eine Ministerin gibt die Erhöhung des Mindestlohns auf 18 Euro bekannt; heute werden 25 sonnige Grad erreicht und der FC Bayern ist wieder Meister geworden.

Ich drücke auf eine Taste an meinem Telefon und es läuft „In the Year 2525“ von Zager&Evans. Zu diesem düsteren Lied fahre ich also durch unsere Stadt, vorbei an einer knallbunt angemalten Schule, einem Haus für Gläubige aller Religionen und einem Parkhaus ausschließlich für Fahrräder. Unterwegs begleitet mich meine Freundin für eine kurze Strecke. Sie ist Erzieherin in einer Kindertagesstätte, ein sehr angesehener Beruf. An meinem Arbeitsplatz stelle ich mein Rad ab und betrete die Lobby. Überall wachsen Pflanzen. Ich habe oft das Gefühl ich würde in einem Dschungel arbeiten. Die Treppen zu meinem Büro im fünften Stock sind eine Leichtigkeit und bringen den Kreislauf nochmal richtig in Schwung. Meine Arbeit für die Gewerkschaft besteht eigentlich nur daraus, Veranstaltungen zu organisieren, bei denen über die Zustände der Vergangenheit erzählt und erinnert wird. Seit Vollbeschäftigung herrscht und fast alle Arbeitnehmerinnen gewerkschaftlich organisiert sind, gibt es weniger zu tun als früher. Die Wirtschaft brummt. Der Mindestlohn muss fast nie gezahlt werden, da die meisten Angestellten Teilhaberinnen ihrer Betriebe sind und so faire Löhne ein Mindestes sind.

Nach einigen Stunden dreht sich meine Kollegin zu mir um und erzählt mir von ihren Kindern. Sie wird ab nächster Woche mit ihrer Ehefrau ihre 45 Urlaubstage nehmen und ans Meer fahren. Das Wetter ist optimal und seit keine Plastikverpackungen mehr verwendet werden, sind die Gewässer sehr viel sauberer geworden.

In den meisten Ländern dieser Erde ist in den letzten Jahren viel geschehen. Es wurde sehr viel in Bildung investiert. Bildung ist kostenlos, ebenso eine grundsätzliche Gesundheitsversorgung und die öffentlichen Verkehrsmittel. Erwachsene haben die Möglichkeit am Nachmittag – ein Arbeitstag dauert in der Regel nur etwa 5 Stunden – eine Abendschule zu besuchen, um sich weiterzubilden. Durch die starke Erhöhung des Bildungsniveaus ist der Wille, an der Politik teilzunehmen, enorm gestiegen. Bei der letzten Wahl waren 95% der Wählerinnen an den Urnen.

Meine Kollegin fragt mich ob ich heute Abend Lust habe, mit ihr und einigen anderen in ein Lokal zu gehen, ein wenig Cannabis zu konsumieren und Brettspiele zu spielen. Freudig nehme ich den Vorschlag an.

Später am Tag fahre ich wieder nach hause. Auf meinen Ohren läuft: „Imagine“ von John Lennon.


Erik Olcese ist halb Amerikaner, halb Hamburger, lebt und studiert seit einigen Jahren in Passau, engagiert sich in der Gewerkschaft, der Hochschulpolitik und der Sozialdemokratie und hofft, dass der Hamburger SV in den kommenden Jahren endlich wieder direkt den Klassenerhalt schafft.