Meine Vision 2030.

Ein neuer Plan für den Verkehr

Die Zahl der Pendler:innen hat stark zugenommen, aber dennoch steht niemand im Stau- wie ist das möglich?

 

Intelligent miteinander vernetzte Fahrkonzepte garantieren einen reibungsfreien innerstädtischen Verkehr. Die Verkehrsleitsysteme sind mit den individuellen, autonom fahrenden Fortbewegungsmitteln der künftigen Menschen vernetzt. Dadurch werden lästige Wartezeiten vermieden und Unfälle verhindert.

Diese Fortbewegungsmittel werden zum Teil noch von Verbraucher:innen erworben und privat unterhalten. Nach wie vor steht in vielen Vorstädten in der Einfahrt von Doppelhaushälften die Familienkutsche mit Raum für bis zu acht Personen. Doch während der Fahrt haben die Eltern Kopf und Hände frei, um sich dem Nachwuchs auf der Rückbank zu widmen. Alltägliche Routen wie die zur Kindertagesstätte und zum Arbeitsplatz kennt der Wagen aus dem Effeff. In ständiger Kommunikation mit seiner Umgebung behält die Steuerungssoftware stets den Überblick.

Und dabei kann der Tank niemals leer gehen: Über Induktionsspulen im Fahrzeugboden werden die Energiespeicher direkt mit regenerativ erzeugter elektrischer Energie gefüttert. In der heimischen Garage, aber auch an vielfältigen öffentlich zugänglichen Orten verbinden sie sich mit Bodenplatten, die ohne physischen Kontakt die Batterien versorgen. Nahezu verlustfrei und bequem bleiben die Autos der Zukunft stets fahrbereit.

Während der Fahrt auf Autobahnen behalten die Akkumulatoren der Zukunftsfahrzeuge permanent einen angenehmen Ladestand: Nur ergänzend zu dem Ladestrom der unter dem Straßenbelag eingearbeiteten Induktionsspulen liefern sie Energie für Überholmanöver oder längere Bergauffahrten.

Durch die Kommunikation mit den anderen Fahrzeugen auf der Strecke können Navigations- und Steuerungssoftware eine komplett autonome Fahrt gewährleisten. Dabei werden die Insassen unterbrechungsfrei und in Koordination mit den übrigen Verkehrsbewegungen zügig an ihr Ziel gebracht.

Das entspannte Gleiten auf jeglichen Distanzen ermöglicht zudem ein völlig neues Reisegefühl. Entlang der Hauptschnellstraßen durch ganz Europa sind Ausflüge in andere Mitgliedstaaten nur einen Katzensprung und ein entspanntes Kartenspiel entfernt. Auch ein Nickerchen ist auf Ferndistanzen kein Problem mehr.

Anders als in der Stadt, wo sehr viele Verkehrsteilnehmende wie Fußgänger:innen oder Radfahrer:innen nur optisch und per Ultraschall geortet werden können sind die Bordcomputer fast aller Vehikel im überländlichen Verkehr vollautonom in einem direkten umfassenden Informationsaustausch über Geschwindigkeit, Position und etwaig erfasste Hindernisse oder Gefahrenpunkte entlang der Route. Somit ist der Verkehr sicherer, stressfreier und schneller als sich die meisten es sich in den Zweitausendzwanzigern noch erträumen konnten.

Allerdings ist nur ein kleiner Teil der Fahrzeuge auf den Straßen der Zukunft noch privat: Die meisten sind öffentliche Transportmittel für diverse Aufgaben. Kleinere autonome Shuttle für Gruppen von fünf bis zehn Leuten stehen Gemeinden und Städten in adäquater Stückzahl zur Verfügung, um die täglichen Wege der Bewohner:innen akkurat nach Bedarf und in Synergie effizient zu leisten. Die Fahrtgäste melden sich einfach per App oder telefonisch und werden vor der eigenen Haustür abgeholt. Nachdem man bequem am Zielort angekommen ist fährt der Shuttle weiter und bringt die übrigen Passagier:innen an ihre Destinationen.

Alternative Arbeitszeitkonzepte werden 2030 schon viel von einer Rush Hour erledigt haben, aber dennoch müssen die Berufstätigen in großen Zahlen hocheffizient zum Arbeitsplatz gefahren werden. Größere Busse mit Kapazität für hunderte Arbeitnehmer:innen, Schüler:innen und Student:innen befördern das Gros der Pendelbewegung, aber auch die Züge wurden moderner und bestechen durch nie dagewesene Pünktlichkeit und Qualität.

Innerstädtisch bieten U- und S-Bahnen bequemen und zügigen ÖPNV. Über Land schießen erschwingliche Hochgeschwindigkeitszüge, die eine Grand Tour über den ganzen Kontinent zum entspannten Wochenendtrip werden lassen.

Diese von mir erhofften technologischen Errungenschaften bringen freilich auch nicht zu unterschätzende Herausforderungen mit sich. Ihnen gilt es sich zu stellen.

  • Ab wann ist das autonom fahrende Shuttle, der Familienwagen oder Bus sicherer als ein Mensch am Steuer?
  • Welche potenziellen Gefahren bringt der softwaregesteuerte Verkehr mit sich und wie wendet man sie ab?
  • Bei einem Verkehr, der auf autonom agierende Fahrzeuge ausgelegt ist wird der Mensch am Steuer mehr denn je zum Risikofaktor. Dennoch werden nach wie vor manuell gelenkte Fahrzeuge auf den Straßen sein. Wie ist ihnen eine gefahr- und reibungslose Integration in den Verkehrsfluss zu bieten?
  • Wie wird der Datenschutz der am Verkehr Teilnehmenden gewährleistet? Es wird zu diskutieren sein, ob und wenn unter welchen Voraussetzungen, Strafverfolgungsbehörden, Gerichte und/oder Versicherungen Einblick in die Daten des vernetzten Verkehrs zu bieten ist.
  • Des Weiteren ist die Frage der Finanzierung zu klären. Mobilität war uns immer schon viel wert und Fortbewegungsmittel Made in Germany sind in aller Welt gefragt. Leider bestehen Politik und Industrie immer noch auf antiquierten Methoden. Statt weiterhin auf den Verbrennungsmotor zu setzen ist ein gesamtgesellschaftliches Umdenken erforderlich. Sowohl öffentliche Forschung als auch private Entwicklung müssen priorisiert werden. So können 2030 nicht nur die großen Konzerne wie VW, BMW oder Daimler noch am Markt bestehen, sondern auch die gesamte Zulieferindustrie. Sie stellt derzeit eine vitale Funktion der just in time Produktion. Leider werden die meisten Beschäftigten mit veralteten Produkten befasst. Kolben, Turbolader und Auspuff werden 2030 jedoch aus guten Gründen kaum mehr gebraucht. Und auch öffentliche Investitionen in Ladeinfrastruktur und intelligente Verkehrsleitsysteme sind schon jetzt überfällig. Die Finanzierung des ÖPNVs über Ticketzahlungen ist zudem antiquiert.

 

Sicherlich, forsch kalkuliert ist meine Vision für den Personenverkehr der Zukunft. Allerdings bin ich überzeugt, dass bei rechtzeitiger Weichenstellung auf elektrisch betriebene Fahrzeuge mit einer adäquaten Ladeinfrastruktur sowie die intensive Erforschung und Förderung von autonomen Fahrsystemen Riesiges bewegt werden kann.

 


Luca Lüneburg ist gebürtiger Hamburger und studierte Rechtswissenschaften an der Universität Passau. Dort arbeitet er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem vom BMBF finanzierten Drittmittelprojekt. Er beschäftigt sich dabei mit der rechtlichen Einordnung und Anwendung von neuartigen Therapiemöglichkeiten auf Basis von induzierten pluripotenten Stammzellen. Er ist im Passauer Unterbezirksvorstand und stellvertretender Bezirksvorsitzender der Jusos Niederbayern.